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 Meine Traeume- mein Schicksal
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Träume - Die Boten der Rettung

Unter  den Methoden der Krisenbewältigung hat sich die Arbeit  mit Träumen als äußerst wirksam erwiesen. Sie wird gewöhnlich »Psychoanalyse« genannt, die auf Sigmund Freud und  C. G. Jung zurückgeht. Diese Erkenntnis scheint noch nicht  zu den Verantwortlichen für Lehre und Ausbildung in  der Kirche durchgedrungen zu sein. So konnte Eugen Drewermann vor dreißig Jahren bei den führenden Theo- logen kein Verständnis finden.

Die Wertschätzung der Träume ist schon in der Heiligen' Schrift zu finden, indem sie entscheidende Weisungen liefern. Die Rettung des ägyptischen Volkes vor der Hungersnot geschieht durch Träume des Pharao und die Deutung durch Joseph (Gen 40,1-36). Dieser hatte sein eigenes Geschick mit zwölf Jahren vorausgeträumt (Gen 37,5-11). Auf der Kunst, die Bedeutung der Träume zu erkennen schafft er  den Aufstieg vom Sklaven zum Herrscher.

Noch  mehr sollte Beachtung finden, weiche Rolle die Träume beim Evangelisten Matthäus spielen. Joseph, der Mann Marias, erfährt in einem Traum die Wahrheit über die Schwangerschaft Marias und den Namen des Kindes (Mt1,17erhält den-22). Im Traum wird er vor Herodes gewarnt und erhält den Auftrag, nach Ägypten zu fliehen (Mt 2,13-15). :Auf dieselbe  Weise werden ihm die Rückkehr in die Heimat und der : Aufenthalt in Nazareth angesagt. Die wichtigsten Daten im Leben Jesu werden somit im Traum festgelegt: die Verbindung seiner Eltern, der Name, unter dem er bekannt wird, der Ort, nach dem er genannt wird, die Flucht vor Ermordung.Trotz aller historischen Kritik lässt sich nicht übersehen, welch hohe Wertschätzung der Schriftsteller und damit das frühe Christentum dem Traum beimessen. Die wichtigste Aussage ist:  Jesus wird durch einen Traum gerettet!    Der Umgang mit Träumen ist zudem uralte Praxis der Menschheit. Wie der  Pharao in Ägypten erhielten der Häuptling oder der Medizinmann bei den Naturvölkern Afrikas und Amerikas Mitteilungen über Aussaat, Jagdgründe oder über Bedrohung  durch Feinde.Auf Grund langer Beobachtung von Träumen schloss C.G.Jung auf eine Instanz, die Träume hervorbringt, dem Bewusstsein verborgen, ihm aber an Intelligenz und Zweck­gerichtetheit überlegen ist. Für ihre Realität spricht die die alte Weisheit, vor einer schwierigen Entscheidung erst einmal zu schlafen. Manches, was am Tage vorher noch unlösbar erscheint, sieht am nächsten Morgen anders aus. Mancher Ärger, manche Angst ist geschwunden. Wir können die Dinge gelassener betrachten. Man darf sogar sagen: Die Seele arbeitet bei Nacht. Die Träume sind, so gesehen, ein Blick in die Werkstatt der Seele.und Botschafter

eines Prozesses, der wie die körperliche Genesung und das körperliche Wachstum ohne unser Dazutun stattfindet.Noch einmal sei herausgestellt: Gefühle folgen ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten wie das Wasser einem Flussbett. Zwei Menschen können sich nicht absichtlich verlieben, es ist vielmehr etwas, das sich zwischen ihnen ereignet. Warum der Funke gerade bei dieser Frau, bei diesem Mann überspringt, ist dem bewussten Wollen entzogen. Genauso wenig können wir Antipathien absichtlich auslöschen, selbst wenn wir sie lange Zeit beiseiteschieben. Die willentliche Anstrengung, die »Selbstbeherrschung«, kann im besten Fall Emotionen zurückhalten oder - im Bild des Flusses - absperren. Aber dann stauen sie sich. Wenn die Kontrolle nachlässt, brechen sie durch.

Die Kunst der Psychotherapie besteht darin, mit Hilfe von Träumen Einfluss auf die Emotionen, auf Denkweisen und Einstellungen auszuüben und damit wirksame Veränderung herbeizuführen. Im Bild gesprochen: Das Flussbett der Emotionen bekommt eine andere Richtung. Träume geben uns eine Möglichkeit, an den Sitz der uns beherrschenden Kräfte heranzukommen, die Angst zu mindern und Konflikte zu bewältigen. C. G. Jung erkannte in den Träumen rettende Botschaften und problemlösende Impulse in Situationen, in denen er als Psychotherapeut nicht mehr weiterwusste.

 

Träume als Wegweiser nach Innen

Was macht betroffen?

Es  hat sich in der Psychoanalyse erwiesen, dass die Arbeit mit Träumen am schnellsten, direktesten und fruchtbarsten eine Konfrontation des Klienten mit seiner Grundproblematik ermöglicht und eine Änderung der Persönlichkeit herbeiführt. Träume der Nacht steigen aus der ganz anderen Seite unserer Seele auf, welche das Tagesbewusstsein unterschätzt. In diesem unbewussten Bereich sind aber jene Inhalte unserer Lebensgeschichte gespeichert, die unser Glück und Unglück bestimmen, die vergessenen und verdrängten Verwundungen, Abschnürungen und Abschneidungen, wie auch die noch nicht entdeckten Heilungs-  und Wachstumskräfte.                                                                                                                    Im Schlaf, wo unser Bewusstsein abgesenkt ist, ist eine heilende, ganzmachende Instanz am Werk. Wie es für den Körper Wachstums und Heilungskräfte gibt, die von einer zentralen Stelle aus gesteuert werden, so auch für unsere Seele. Dass etwas in der Nacht mit uns geschieht, merken wir, wenn wir erwachen. Manches, was am Tag vorher noch unlösbar schien, sieht etwas anders aus. Deshalb ist es auch berechtigt zu sagen: Darüber muss ich erst einmal schlafen. In der Nacht findet also ein Prozess statt ähnlich dem  körperlichen Wachstum  oder Genesungsprozess. Die Träume sind nun die Botschaften dieses Prozesses; wir können ihn fördern, wenn wir wach sind für alles, was für unser Leben, für uns selbst bedeutsam ist, für das", was uns zuinnerst angeht".                                                                                                          Sich mit den eigenen Träumen auseinandersetzen heißt deshalb bis in jene Ebene vordringen, die existentiell von Belang ist. Bevor wir uns religiösen Themen zuwenden, müssen wir zunächst einmal aufgeschlossen und aufgewühlt werden für alles, was Inhalt, Sinn und Zukunft unseres Lebens betrifft. Zuerst müssen Hunger und Durst geweckt werden, ehe man mit der Speise von der Botschaft vom ewigen Lebens kommt. Indem wir über die Träume zu dem gelangen, "was uns unbedingt angeht', schaffen wir schon dadurch eine Aufnahmefähigkeit für das Wort Gottes. Unser Bewusstsein mit dem Ich als Zentrum  ist wie eine  Insel im  Ozean des Unbewussten. Wir können nur dann Einfluss nehmen auf eine dauerhafte und tiefgreifende Wandlung unseres Schicksals und das vieler anderer, wenn wir uns mit den Kräften der größeren Seele verbünden. Sie sind es, die das Erleben und Denken eines Menschen erhellen oder verdunkeln, die über Hoffnung oder Hoffnungslosigkeit entscheiden. Wir kommen dann mit ihnen in Kontakt und erhalten ihre Kraft, wenn wir die Bilder der Träume auf uns wirken lassen.

2. Wende der Aufmerksamkeit

Bekannt ist, dass Sigmund Freud mit Hilfe der Träume begonnen hat, das Unbewusste zu erforschen.                                                                                                  Bei Franziskus war es die Wende, als er die Stimme auf sich wirken ließ,  als ihm aufging, dass er dem Knecht folgte und nicht dem Herrn, als er die Wertlosigkeit seines Tuns erkannte. Es war eine tiefere Einsicht in seine Lebenssituation, in seine Motivation. Sie  wandte seine Aufmerksamkeit von außen nach innen. Das veranlasste ihn, umzukehren im ganz wörtlichen und übertragenen Sinn.                                                                                                              Nun ist es tatsächlich so, dass nur die wenigsten Menschen sich Zeit und Mühe nehmen, auf ihre Träume zu achten und deren Botschaft zu verstehen versuchen. Erst der Leidensdruck öffnet die Augen für Wirklichkeiten, die wir sonst nie beachten würden, für jene Vorgänge in der Tiefe unserer Seele, wo die entscheidenden Weichen für unser Glück oder Unglück gestellt werden. Der seelische Stillstand hat darin seinen Grund darin  dass man bisher alle Lösungen außen gesucht hat und der  Meinung war,  die Verhältnisse seien  schuld und die Menschen um uns müssten sich ändern. Man macht Pläne, die fehlschlagen, bis man zu der niederschmetternden Einsicht kommt, dass es nicht mehr weiter geht in der Ehe oder im Beruf. Es ist eine Einkehr und Umkehr erforderlich, die sich wie folgt beschreiben lässt: den Schwerpunkt, die Erwartungen und Anstrengungen von außen nach innen, von der Theorie zum Existentiellen, vom aktiven, angestrengten Planen und Machen zur Ebene der Erfahrung  und des Sichbetreffenlassens zu verlagern. Es geht  um eine kritische Bestandsaufnahme der inneren Befindlichkeit, die ja als ständig geäußerte Unzufriedenheit z.B. oder als Zuversicht die allgemeine Stimmung beeinflusst. Wer sich für eine durchgreifende Wende im persönlichen Leben wie in der Öffentlichkeit einsetzen will, muss zunächst in der Tiefe der eigenen Seele beginnen. Im Traum steigen wir tatsächlich in unterirdische Gebäude und Höhlen, um diese zu erkunden und Schätze zu finden.

Veränderung und  Wandlung

.Dasselbe meint Jung, wenn er davon überzeugt ist, dass alle großen Wandlungen zuerst im Einzelnen stattfinden und dass wir in unserem privatesten und subjektivsten Leben nicht nur die Erleider, sondern auch die Gestalter  einer Zeit sind. Es gibt einen Punkt in uns selbst, wo wir Weltgeschichte machen, ohne es zu merken. Er ist zugleich das Allersubjektivste, die Quelle unserer Existenz und unseres Daseins.                                                                                                               Nicht umsonst bringen Träume das Motiv der Wandlung; z. B. wir bringen (im Traum) Gegenstände in die Kirche, die dort gewandelt werden sollen. Häufig steht auch der Ablauf der Messe, deren Höhepunkt im katholischen Verständnis die Wesensverwandlung (Transsubstantiation) ist, für den Wandlungsprozess des(r) Träumers(in).. Wandlung ist ein Prozess, in dem wir selbst anders werden, die Dinge anders sehen, anders denken und handeln lernen.                                                        

. Eine Überwindung der Krise der Kirche und der Gesellschaft ist nicht von äußeren Maßnahmen zu erwarten, sondern vom Wandlungsprozess Einzelner.

Bilder, die erschrecken                                                                                                    Jeder kennt Angstträume: Wir stehen auf einem hohen Gebäude oder einer Brücke ohne Geländer; wir werden von jemand verfolgt oder bedroht; wir werden hingerichtet; wir selbst sind gestorben oder jemand aus der Familie oder sonst ein für uns wichtiger Mensch; wir sind in einen Mord verwickelt, entweder weil wir darum wissen und damit selbst in Gefahr sind, oder weil wir ihn selbst ausführen sollen oder schon begangen haben.                                                                                                   Träume sind zunächst die Bestandsaufnahme der unbewussten Seele, eine in Bildern dargestellte Spiegelung der inneren Prozesse. Ob diese für uns zum Guten werden, hängt wesentlich davon ab, wie wir uns zu ihnen verhalten, ob wir sie vernachlässigen und verdrängen oder ob wir sie ernst nehmen und uns auf sie einlassen. Gerade wenn uns Träume Angst machen, können wir sie nicht so leicht verdrängen; wir sind angehalten, dem tieferen Grund nachzuspüren. Wer dies rechtzeitig tut, wird es später wesentlich leichter haben, als wenn das Problem dann doch aufbricht und den/die Träumer/in in eine Depression stürzt. Es ist vernünftiger, so Jung, freiwillig, vorsichtig, unter Anleitung in einen Brunnen zu steigen als unbedacht hineinzufallen. Gerade ein Angsttraum fordert zur Auseinandersetzung mit dem noch unbekannten Teil unserer Seele heraus.                                                         Die Angst, die wir dabei empfinden, können wir auch als Warnung vor übereilten, endgültigen Entschlüssen sehen. Wir werden zum Stehenbleiben und Überlegen aufgefordert. Im Traum kann es trotzdem sein, dass wir von ganz oben herunterfallen und kurz vor dem Aufprall mit großer Angst aufwachen. Es wäre zu fragen: Welches Signal wurde ohne unser Wissen und Zutun überhört? Welches Gefühl, welches Vertrauen, welche Überzeugung trägt nicht (mehr), sodass wir den Boden unter den Füßen verlieren? Welcher Wert ist verlorengegangen?

                  Erwachen aus dem Wesensschlaf                                                                                     Noch ein wichtiger Aspekt des Angsttraumes sei angesprochen. Ein durch ihn verursachtes Aufwachen dürfen wir im Zusammenhang mit dem Erwachen aus dem Wesensschlaf sehen. Mit Wesensschlaf ist eine Einstellung gemeint, wo man tieferen Lebensfragen ausweicht durch ständige Ablenkungen in der Freizeit, durch eine ungezügelte Arbeitswut oder durch scheinbar kluge Theorien. Man will nicht wahrhaben, dass Krankheit, Alter, Abschied und Tod genau so zum Leben gehören und dass sie nicht ein Misslingen des Lebens bedeuten; dass deren Bewältigung von Faktoren abhängt, die in der Mitte unseres Wesens ihren Sitz haben. Ein Erwachen kann dann bedeuten: es gehen in uns Veränderungen vor, die wir selbst nicht machen. Wir werden aufmerksam und hellhörig, wie es mit unserem Innersten steht und wir werden in einem gewissen Sinn gezwungen, uns mit den Grundlagen unseres Schicksals zu beschäftigen. Wir kommen zur Einsicht, dass wir an uns selbst eine Aufgabe, sogar die wichtigste haben. Diese Erkenntnis bringt meist auch weitere Träume mit sich, die den seelischen Prozess vorantreiben und die uns wie beim Aufstehen am Morgen neue belebende Impulse vermitteln. Es geht um ein Initiativwerden unserer gesamten Persönlichkeit.                                                                                                                 Verfolger und Einbrecher: Was will zu mir?                                                                       Zu den häufigsten Angstträumen gehören die Szenen, wo uns jemand verfolgt oder wo jemand in unsere Wohnung einbricht. Dazu folgendes Beispiel:

"Ich bin in einem Haus und kann gerade noch die Türe vor einem fremden Mann, einem Betrunkenen, schließen. Zuerst will ich die Türe nur zuhalten, dann sehe ich, dass da noch ein Riegel und ein Haken ist, mit denen ich die Türe sichern kann. Jedoch der Eindringling stürzt sich weiter gegen sie und die Sicherungen geben nach. Außerdem hat er mit seinem Messer die Türe durchlöchert und will mich damit treffen, sodass ich mich auch gar nicht mehr gegen die Türe lehnen kann. Ich weiche zurück und gebe auf."                                                                                                           Wenn man davon ausgeht, dass alle Traumfiguren zu uns selbst gehören, dass sie Antriebe, Impulse, Gefühle sind, dann dürfen wir auch den Einbrecher als einen Teil von uns selbst sehen, der sich mit Gewalt Zugang in unser Inneres, d.h. in unser bewusstes Leben verschaffen will. Auffallend ist, dass die Sicherungen nachgeben. Es ist für den Träumer eine Zeit der Krise, der Verunsicherungen, wo die alten Sicherheiten nicht mehr wirksam sind und wo neue Ideen und Impulse hereindrängen.  Entscheidend ist, ob wir uns in Bewusstheit dem Verfolger stellen, d.h. die Frage zulassen: Was verfolgt mich, was geht mir nach schon seit längerer Zeit? Was will zu mir? Vor welchen Problemen in meinem Leben laufe ich davon?                                                                                                                         Die Tiefenpsychologie spricht vom Schatten, jener zweiten Persönlichkeit, welche die Fäden unseres Schicksals in der Hand hat. Je mehr wir uns dem seelischen Hintergrund zuwenden und davon aufzuhellen und zu verstehen versuchen, umso freundlicher wird uns der gefürchtete Verfolger oder Einbrecher begegnen.

Tiere - die verlorenen oder lebendigen Instinkte                                                                                      Große Aufmerksamkeit verlangen auch die Tiere, die uns im Traum begegnen. Ein dreißigjähriger Mann träumt:  "Ich gehe durch einen Wald. Plötzlich merke ich, dass mich eine Schlange verfolgt. Ich versuche zu laufen. Aber die Füße versagen, ich bin wie gelähmt. Die Schlange beißt mich. Ich erwache in großer Angst."

Als er den Traum in der Runde erzählt, hat er Herzklopfen und Schweiß in den Händen. Auf dem Bild, auf dem er die Szene darstellt, ist die Schlange die einzige bunte Figur, während alles übrige einen sehr blassen Grauton hat. Farben haben mit Gefühlen und Lebendigkeit zu tun. Der Traum sagt: Es soll Farbe in sein Leben kommen, d.h. Spontaneität, Unternehmungsgeist, Leidenschaftlichkeit. Die Schlange vertritt diesen Impuls des Lebens, der zunächst Angst auslöst.                                           Tiere sind instinktgebunden, d.h. alles was mit Fortpflanzung, Brutpflege, Ernährung zu tun hat, läuft ohne eigenes Zutun in voller Übereinstimmung mit der Natur ab. nicht von geringer Bedeutung, von welchen Tieren wir träumen, ob von hilfreichen, von Kraft strotzenden, oder von verkümmerten, ausgezehrten oder bedrohlichen. Sie sagen etwas über unser Ja zum instinkthaften Leben aus, ohne welches das Vergeistigte und Spirituelle sehr dünn wird und schließlich in einer Sackgasse endet.                                   

Träume der Wandlung                                                                                  "Mein Bruder und ich pflügen ein Weizenfeld. Mein Bruder zündet Stoppeln an, um zu zeigen, wo die Furche gehen solle. Ich halte den Pflug. Aber dann versuche ich, die Stoppeln zu versengen, um die Linien zu ziehen. Am Rande des Ackers steht noch Weizen. Ich zögere, ihn anzuzünden."

Ein abgeerntetes Weizenfeld wird umgepflügt. Das hat mit "Umbruch" zu tun, wo der Boden für eine neue Aussaat bereitet wird. Das Abbrennen der Stoppeln sagt, dass es sich um ein brennendes Problem handelt. Der Weizen ist die Frucht des Ackers und der mühsamen Arbeit. Er wird nicht angezündet - ein gutes Zeichen für den Träumer, der in seiner Krise unterscheidet, was verbrannt werden kann und was wertvoll ist und stehen bleiben darf. Es geht um den Aufbau eines neuen Lebensentwurfs. Entscheidend ist, dass der Träumer die Initiative ergreift und seinem Bruder, den er wegen seines Unternehmungsgeistes immer bewundert hatte, die Führung abnimmt. Schon das Ackern allein trägt die Verheißung einer neuen Ernte in sich.                                                                                                                                                                                                                                                    Wachsendes Gras                                                                                                                                                                                                                           Eine andere Traumszene hebt noch mehr das neu erwachende Leben hervor: "Ich bin auf einer Wiese in der Nähe meines elterlichen Anwesens. Es liegt dort altes verregnetes Heu; es sieht ganz ausgelaugt aus. Jemand sagt: Man müsse es nur wenden. Darunter sehe ich dann frisches, grünes Gras."     Das Gras, das nach jedem Schnitt nachwächst, das sogar Beton und totes Gestein überzieht, ist Symbol für das neue Leben, das aus der Tiefe der Seele aufbricht. Dazu gehören auch Träume von frischen Saaten. Es geht um die Kraft des Lebendigen; Träume dieser Art zeigen an, dass die Totenstarre der Seele überwunden wird. Meist ist dies auch verbunden mit einem beglückenden Gefühl beim Erwachen und der Gewissheit, dass es sich wieder lohnt, zu leben und den eingeschlagenen Weg der Traumanalyse weiter zu verfolgen.

"Ich habe wieder Freude am Leben", schreibt ein anderer junger Mann nach jahrelangem seelischen Leiden. Das Traumbild von den frischen Saaten erinnert an das Gleichnis Jesu, mit dem er vermitteln wollte, was mit dem Reich Gottes gemeint ist. "Ein Sämann ging aus zu säen"(Mk 4,3), so beginnt seine Rede. In kaum einem anderen Tun liegt so viel Hoffnung und Vertrauen in das Leben wie im Säen. Was nach außen als bloßes Wegwerfen aussieht, ist in Wirklichkeit der Beginn des Neuen. "Mag er nun schlafen oder wachen, bei Tag wie bei Nacht sprosst der Same und wächst empor, wenn er es auch selbst nicht weiß; von selbst bringt die Erde die Frucht" (Mk 4,26-28). Für uns heißt das: einen Traum, der die von Jesus bevorzugten Bilder aufgreift wie die vom Säen und Wachsen, sollten wir sehr ernst nehmen, ihn immer wieder meditieren, nach allen Seiten erweitern, eigene Erinnerungen wachrufen:

Es sollte uns bewusst werden, dass es auch ein inneres Wachsen gibt, das mit dem Wort aus dem griechischen Urtext des Markusevangeliums automatikã "automatisch", von selbst vor sich geht und wir unbesorgt um die Zukunft sein dürfen. Es geht um den größeren Menschen, zu dem wir heranreifen. Hier sind wiederum nicht neue moralisch Kraftakte gemeint, sondern einfach die Tatsache, dass wir anders werden: echter, ausgeglichener, persönlicher und weniger schablonenhaft, gütiger und verständnisvoller; nicht mehr den Ängsten und Stimmungen ausgesetzt; wir werden mehr Sicherheit und Zuversicht ausstrahlen, weil wir mehr über die Zusammenhänge des Lebens wissen und auch mehr Neues und Ungewohntes zulassen können.. Es werden Kräfte frei, die dem eigenen Leben und dem vieler anderer eine erlösende Wende geben. Der seelische und geistige Stillstand kann überwunden werden.  Ein Traum der letzten Art, wo sich ein Raum der Zuversicht und der Hoffnung öffnet, ist Ergebnis einer langen Arbeit mit recht "profanen" Träumen, er ist nicht herstellbar auch nicht durch den besten Therapeuten, er ist ein echtes Geschenk. Zugleich ist er ein anschaulicher Hinweis dafür, daß der Ort der Gegenwart Gottes in uns selbst ist.                                                                                                                                   Träume sind die andere Seite der Seele. Sie führen zum tieferen Grund, zur Einheit und Ganzheit der Persönlichkeit, wo wir uns selbst und Gott zuinnerst nahe sind. Diesen Punkt zu berühren löst höchste Freude aus und verleiht die Kraft, Emotionen zu verändern und  gegensätzliche Strömungen innen und außen zu überwinden. 

 

Wandlung durch die Träume: der heilige Franziskus

Niemand wird leugnen, welche Ausstrahlung der hl. Franziskus für die Welt des Mittelalters hatte, und sogar in unserer Zeit noch hat; Kritiker und Verfechter des Christentums anerkennen gleichermaßen seine Einstellung zur Schöpfung und seine mystisch - spirituelle Kraft als echte Alternative für die heute bestehenden beklagten Verhältnisse. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass der Weg dorthin nicht über Lobreden und Nachahmung geht, sondern einen ähnlichen Prozess braucht, wie ihn Franziskus vollzogen hat.  Seine Geschichte begann mit Innenerfahrung und Träumen, in denen er nach und nach die Stimme Gottes erkannte. Auch Franziskus brauchte einige Jahre des verborgenen Lebens, um die seelischen Einbrüche wie die Hoffnung stiftenden Impulse zu verarbeiten. Die Dreigefährtenlegende berichtet, dass er sich in eine Höhle zurückzog, ein äußerer Ausdruck seines inneren Zustandes; dass ihn bei aller Finsternis eine unsagbare Freude überflutete und ein wunderbares Licht erhellte (3).

Franziskus träumte: Eines Nachts, da er schlief, erschien ihm jemand. Der rief ihn beim Namen und führte ihn in einen weiten herrlichen Palast. Da gab es der Waffen viel, prächtige Schilde und Rüstungen aller Art, die an den Wänden hingen und auf Kriegsruhm zu harren schienen. Von höchster Freude erfasst, fragte er sich voll Staunen, was das bedeuten möge und wem die herrlichen Waffenzier und der prächtige Palast gehöre. Und es war ihm gesagt, dass alles mitsamt dem Palast gehöre ihm und seinen Edlen... Freudigen Geistes wachte er auf..." .(Drei-Gefährten-Legende 5,7, Legenden und Laude,33)

Und da er nun auf den Traum hin auszog, und schon bis Spoleto gekommen war,.. überkam ihn ein tiefes Grübeln. Wohl hatte er ganz und gar die Unternehmung im Sinne; aber nun da er sich niedergelegt und eben im Halbschlaf war, kam es ihm plötzlich vor, wie wenn ihn jemand fragte, wohin er auszuziehen gedenke. Franziskus enthüllte seinen ganzen Plan. Die Stimme sagte: „Wer kann dir denn Besseres tun, der Herr oder der Knecht?"                Er gab zur Antwort: „Der Herr!"   Da kam es zurück:"Warum verlässt du dann um eines Knechtes willen den Herrn und wegen eines Armen den Reichen?"  Worauf Franziskus: „ Herr, was willst du, dass ich tun soll?"  Kehre um in deine Vaterstadt. Dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst. Du musst das Traumgesicht anders verstehen". (Legenden und Laude,34)

Beim Erwachen begann er mit allem Ernste über das Erlebte nachzudenken. Und während er bei dem ersten Traumbild wie außer sich war vor Verlangen nach weltlichem Ziele und vor lauter Freude, ward er jetzt ganz in sich gekehrt.. Und am Morgen zog er eilends nach Assisi zurück, in überwältigendem Glück und stillem Jubel, gewärtig des Herren willen, der ihm dies offenbart hatte.(Legenden und Laude34)

 

 

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