Kommt dieReligion  wieder?


  Ansätze, Chancen, Zukunft

 

Die Zukunft der Religion hängt davon ab, inwieweit sie auf die Fragen, die

Menschen heute umtreiben, eine praktische, lebbare Antwort anbieten:

Wo gibt es endgültige Verlässlichkeiten? Wie geschieht Vertrauen? Wie lassen sich

Freiheit und Nähe, Individualität und Solidarität harmonisch verbinden? Wie wird die

Sehnsucht nach einem absoluten Du, nach Liebe und Erfüllung gestillt?

Kann die Erfahrung des Absoluten, der Transzendenz, eines liebenden Gottes

erschlossen werden, dann könnte sich auch der Säkularisierungstrend umkehren.

Kurz zusammengefasst sind es die Themen der

Säkularisierung, der

Individualisierung

 und der Detraditionalisierung.

Die Frage aller Fragen lautet: Was kann man den geistigen Entwicklungen unserer

Zeit entgegensetzen oder muss man einfach warten, bis sich der Trend von selbst

umkehrt? Diejenige Religion wird auch in Zukunft sein, die dem Menschen

 Trost und  Gewissheit gibt, welche die freie Entfaltung der Persönlichkeit

nicht verhindert und zugleich neue Nähe und Verbindlichkeit schafft.

1. Das Thema der Säkularisierung.

Das Angebot der Kirche erreicht nur die, die schon religiös sind und zur Kirche

gehören. Ebenso setzt die so genannte Neuevangelisierung -also die Verkündigung

der frohen Botschaft des Evangeliums, ein religiöses Empfinden voraus.

Alle Versuche einer so genannten Neuevangelisierung scheitern daran, dass der

Sinn für das Religiöse abhandengekommen ist. Man weiß einfach nicht mehr, wozu

Religion gut sein soll. Wie soll die Botschaft von einem Gott, der im Bewusstsein der

Leute einfach nicht vorkommt, die Menschen froh machen?

Die erste Frage lautet deshalb:

I Wie werden Menschen religiös?

Wie kann den Menschen, die außerhalb der Kirche stehen, ein Weg zum Religiösen

erschlossen werden?

Es ist möglich, den Prozess der Entfremdung umzukehren.

Als theoretische Annahmen sind folgende Punkte wichtig:

Gott ist innen.

1. Der Theologe Paul Tillich : „Gott ist das Symbol für das, was mich unbedingt

angeht". Dafür spricht, dass bei den wichtigsten Ereignissen im Leben, „die den

Einzelnen am meisten angehen" - nämlich bei Geburt, Hochzeit und Tod die meisten

immer noch die Kirche aufsuchen. Außerdem kann es die Not einer Lebenskrise

sein, in der Menschen sich selbst nicht mehr ausweichen können und neu zur

Religion finden. Das Religiöse ist nicht das Langweilige, Unverstandene, scheinbar

Unsinnige, sondern dort zu finden, wo das Allerwichtigste, Aufregendste, und

Sinnvollste durchgehandelt wird. Dann tritt statt des bloßen übernommenen

Glaubens die eigene Erfahrung. Die Aufgabe besteht nicht darin, Gott zu beweisen

und jemand mit Argumenten zuzudecken, sondern für das zu öffnen, was ihn

unbedingt angeht, was ihn schmerzt und quält und was ihn hoffen lässt, was ihn zu

innerst ergreift. Das Religiöse als Erfahrung liegt auf der Ebene dessen, was mit

einem geschieht. Sich dem auszusetzen hat mit Beginn der Gotteserfahrung zu tun.

Die Menschen in Krisen gehen in psychologische Beratungsstellen, in

psychosomatische Kliniken, zu Psychotherapeuten mit langen Wartezeiten.

Fraglich ist, ob dort ihre religiöse Frage angehört, ernst genommen und bearbeitet

wird.

2)Die neuen spirituellen Wege.

Sie haben der traditionellen Kirche voraus, dass sie religiöse Neuheitserfahrung

erschließen und das religiös - Sein nicht schon voraussetzen. Ernst nehmen sollte

man durchaus die Praxis des so genannten Zen, der aus Japan kommt und

eigentlich nur das Sitzen in der Stille beinhaltet und

auf verschiedene Weise auch im kirchlichen Raum praktiziert wird. Es entsteht eine

qualifizierte Stille, die so in keiner normalen Pfarrgemeinde, auch kaum in einer

Ordensgemeinschaft anzutreffen ist. Sie übt für suchende Menschen eine gewaltige

Anziehung aus. Häufig sind es gerade solche, denen von ihrem Beruf und ihrer

Geschichte her das Religiöse bisher gar nichts bedeutet hat; denen aber, als sie die

innere Leere bewusst annahmen, diese zur Fülle wurde

Alles entscheidet sich daran, mit welchem inneren Engagement sich jemand in die

Stille begibt. Eines sollte deutlich werden: Die Gottesferne unserer Zeit ist nicht

unüberwindbar. Entscheidend ist, ob das Organ für Gott geweckt und geschärft

werden kann. Es ist die Einstellung des Menschen zu sich selbst, ob er sich selbst

wahr - und ernst nimmt. . Man kann hören: „Das Religiöse bedeutet mir nichts, der

Name Gott schon gar nichts. Man kann ihm sagen: „Dann spüren Sie das Nichts!"

Wenn dieses lange genug und ausdauernd geschieht, entsteht ein neues

Lebensgefühl. Was sich früher leer und langweilig anfasste, hat jetzt eine Resonanz

und eine Schwingung.

Es zeigt sich dann ein neues Gottesbild: nicht mehr das am Rande, sondern in der

Mitte der Existenz. Nicht mehr eines, das unser Leben einengt, sondern eines, das

unserem Dasein volle Entfaltung, Blüte, Wachstum und Reife bringt. Dasselbe meint

Jung, wenn er vom Archetyp des Gottesbildes spricht, das mit der Ganzheit

zusammenfällt.

Willigis Jäger spricht von einer west-östlichen Weisheit, von einer zeitgemäßen,

integralen Spiritualität, welche das Hier und Jetzt in den Mittelpunkt stellt. Damit will

er sagen, dass es den Erlebniszustand der Zeitlosigkeit gibt, der im Grund der Seele

erreichbar ist.

Die mystische Spiritualität ermöglicht ein neues Verständnis von dem, was wir Gott

nennen. Gott kann nicht verstanden, er kann nur erfahren werden. Gott ist nicht im

außen zu finden, Gott ist vielmehr das Innerste des evolutionären Geschehens.

... Diese Erfahrung verändert den Menschen. Weisheit, Selbstlosigkeit, Sammlung

und moralisches Verhalten wachsen in ihm und öffnen sein Bewusstsein über das

personale Begreifen hinaus.

Der Weg der westöstlichen Weisheit ist lebensbejahend, weltzugewandt und Quelle

für eine echte Erneuerung auf allen menschlichen gesellschaftlichen Ebenen...."

Er ist möglich für Menschen, die keiner Konfession angehören und zwingt niemand,

die eigene zu verlassen, sondern kann eine große Hilfe sein, die eigene tiefer zu

erfassen. (Willigis Jäger, Benediktushof Unterwegs, 2007/ Nr 1).

Die beständige Übung der Meditation als Weg der Wandlung kann in ihrer

Bedeutung nicht genug hoch geschätzt werden. Hier liegt ein Ansatz, aus dem

passiven Hinnehmen von geistigen Entwicklungen in der Gesellschaft weg zu

kommen und wieder aktiv mitzugestalten, eine Kunst, welche der christlichen Kirchen

verloren ging, aber in ihren Ursprüngen selbstverständlich war.

Allerdings ist die Stille nur die eine Seite eines Wachstums- und

Wandlungsprozesses. Genau so wichtig ist die Bearbeitung der eigenen

Lebensgeschichte in einer guten Psychotherapie.

3. die Tiefenpsychologie und die Geheimnisse der Seele-.

Der Tiefenpsychologen C.G.Jung hat in seinen Forschungen auf dem Gebiet der

menschlichen Seele einen Archetyp des Gottesbildes ausgemacht, einen religiösen

Trieb, der einmal geweckt, alle anderen Antriebe und Motive relativiert, einbindet und

wandelt.

Bestätigt wird dies nicht nur durch die Geschichte der großen Heiligen aller

Religionen, sondern durch Begegnung mit Menschen unserer Zeit, denen plötzlich

das Religiöse die allerwichtigste Sache geworden ist. Mir sind Menschen bekannt,

meist aus der Kirche ausgetreten, bei denen die Sehnsucht nach Gott wie eine

Leidenschaft erwacht ist. Oft hatten sie gar keine oder nur eine spärliche religiöse

Erziehung. „Aber es scheint uns, als ob die menschliche Seele Geheimnisse

beherberge, insofern als für den Empiriker alle religiöse Erfahrung in einem

besonderen seelischen Zustand besteht...(GW XI,67)so äußert sich Jung zu diesem

zum Thema des Religiösen, das ihn immer wieder überrascht und fasziniert.

Nun ist die Tiefenpsychologie an der Reihe, die uns etwas mehr über die geheimen

Motivationen eines Menschen Auskunft zu geben vermag. Überraschenderweise ist es der Traum eines Mannes, eines Patienten bei C. G. Jung, der blitzartig das Thema einer falschen und richtigen religiösen Einstellung erhellen kann. Jung bemerkt dazu, dass der Träumer in keiner Weise religiös war, als er zu ihm kam, dass er alles, was mit Kirche, Mystik und Religion zu tun hat, als mittelalterlichen Aberglauben abtat, er jedoch total erschüttert und irritiert war, ja sogar glaubte, verrückt zu werden, als er mit dem Inhalt des folgenden Traumes konfrontiert wurde.

Der wörtliche Text lautet:

" Nun gehe ich selbst in das Haus hinein und kann mich ganz konzentrieren. Da spricht eine Stimme: "Was du tust, ist gefährlich. Die Religion ist nicht die Steuer, die du bezahlen sollst, um das Bild der Frau entbehren zu können, denn dieses Bild ist unentbehrlich. Wehe denen, welche Religion als Ersatz für eine andere Seite des Lebens der Seele gebrauchen; sie sind im

Irrtum und werden verflucht sein. Kein Ersatz ist Religion, sondern sie soll als Vollendung zur anderen Tätigkeit der Seele hinzukommen. Aus der Fülle des Lebens sollst du deine Religion gebären, nur dann wirst du selig sein!" Bei dem besonders laut gesprochenen letzten Satz höre ich ferne Musik, einfache Akkorde auf der Orgel. Etwas daran erinnert an das Feuerzaubermotiv von Wagner. Als ich nun aus dem Haus trete, da sehe ich einen brennenden Berg, und ich fühle, „ein Feuer, das nicht gelöscht werden kann, ist ein heiliges Feuer." (1

Jung GWXI,38).

Es sind Worte, die für kirchliche Ohren ungewohnt klingen, vor allem aber dass sie ein Traum ausspricht, dazu noch von einem Menschen, der gar nicht kirchlich, christlich, nicht einmal religiös ist, und dem die geistige Welt der Kirche total fremd ist. Es wäre eine eigene Frage wert: Woher weiß das der Traum? Welche Instanz steht hinter dieser Produktivität des Unbewussten?

Zunächst noch einmal zum Thema „spiritueller Weg". Wenn wir darunter eine

Lebensform verstehen, wo das Religiöse einen besonderen Stellenwert einnimmt,

dann darf dieser nach der Weisung des Traumes kein „Ersatz für das Bild der Frau"

sein. Das geheimnisvolle Wort vom „Bild der Frau" meint die Seele des Träumers,

die Lebendigkeit und Eigendynamik seiner Gefühle, welche ihm verschlossen waren.

Eine Religiosität, welche Gefühle abschnürt und unterdrückt, kann nicht zum Heil des

Menschen sein. Sie führt meist zu einer spirituellen Mittelmäßigkeit und ein

verkümmertes Menschsein- ein Vorwurf, der sich im Raum der Kirche leider zu

häufig bestätigt. Der Traum jedoch sagt: „Die Fülle des Lebens "ist die einzig legitime

Quelle der Religion.

Die Tiefenpsychologie kann Hinweise zum Thema der Individualisierung und der so

genannten Selbstverwirklichung liefern. Im letzten bedrängt die Menschen bei allem

Freiheitsdrang die Frage: Wie finden wir zusammen? Wie finden man Bindung und

Vertrauen? Wie kann Liebe gelingen?

Es scheint so etwas wie ein Individualisierungsschub zu sein, wo der einzelne mehr

Raum und Zeit, mehr Rechte, ein höheres Maß an Lebenserfüllung und

Lebensglück für sich beanspruchen. Dies führt häufig zur Trennung. Es ist nicht

immer Leichtsein, Untreue oder anderer böser Wille, es ist Entwicklung, richtig

verstanden, ein Schritt zum größeren Umfang der Persönlichkeit, von Jung

Individuation genannt.

Um hier mitbestimmen oder sogar etwas verändern zu können, müsste eine der

grundlegendsten Einsichten der Psychotherapie berücksichtigt werden, die lautet:

Gefühle ändern sich nicht durch Verstand und Willen sondern nur durch ein

stärkeres Gefühl! Nicht die guten, meist misslungenen Vorsätze verändern einen

Menschen, sondern die emotionale Entlastung. Der Erfolg hängt allerdings ganz

wesentlich davon ab, was der Seelsorger an eigener Problematik durchgearbeitet

hat, wie ernst und engagiert er dem Leben begegnet, wie weit er selbst einen

inneren Weg gegangen ist und aus dem Anschluss an die Transzendenz lebt,

inwieweit bei ihm die Atmosphäre zu spüren ist. .

Das stärkere Gefühl und die tiefere Einsicht werden am ehesten dadurch erreicht,

dass Menschen in ihrer Art des Daseins bestätigt werden, ihre Not, mitgefühlt und

angenommen, ihr Verlangen nach mehr Selbstbestimmung und nach einem

geglücktem Leben als berechtigt anerkannt wird.

Je tiefer und echter wir einem Menschen in seiner Krise begegnen, desto eher wird

in ihm der Drang zur eigenen Echtheit, der Anspruch des Urgewissens nach

Mitverantwortung wach. Dies öffnet eine neue Nähe, aber in Freiheit. In

Selbsterfahrungsgruppen zeigt sich immer wieder, dass fremde Menschen

zusammenfinden und Freundschaften auf einer tiefen Basis entstehen, wenn sie

durch den Prozess im Innersten berührt wurden.

Damit ist eingeschlossen: Sich in Bewusstheit dem Prozess öffnen, der von der

Vereinzelung zu einer tieferen Gemeinsamkeit führt. Bei genauerem Hinschauen

gehört die Trennung zur Nachfolge Jesu. Es ist der Prozess, den Jesus selbst, die

Apostel und die Jünger zu allen Zeiten durchmachten. Individualisierung kann als

Prozess verstanden werden, in dem man nicht stecken bleiben muss, vielmehr auf

einer spirituellen Ebene zu tieferer Verbundenheit gelangen kann. In diesem Sinn

darf man die Nachfolge Jesu verstehen. Die Wiederbelebung christlicher Werte wird

nie gelingen, wenn damit die Rückkehr zu alten, verbrauchten Meinungen und

Gewohnheiten gemeint ist. Vielmehr steht eine Neuentdeckung der Tradition als

etwas vom Ureigensten an. Dann wird sie zur Quelle von Kraft und Schönheit.

 

Das Thema der Detraditionalisierung oder der Entwurzelung.

Wie finden Menschen wieder eine seelische Heimat?

Der postmoderne Mensch beansprucht für sich die so genannte

Detraditionalisierung das heißt den Bruch mit der Tradition, mit allem, was bisher als

wertvoll, erstrebenswert und gültig anerkannt war. Es ist die radikale Form der

Aufklärung.

Die geistige und emotionale Entfremdung vom Ursprung macht den Menschen aber

orientierungslos, heimatlos und ruhelos. Damit verbunden ist der Verlust des

geistig - emotionalen Instinkts, des Kontakts mit den Quellen seiner Seele. Er ist

einer rein rationalen Welt ausgeliefert. Er steht vor der Aufgabe, sich seine geistige

Welt immer neu erschaffen zu müssen. Darin sind die meisten überfordert.

Auch der moderne Mensch braucht ein größeres Ganzes, Räume und Zeit, wo seine

Seele daheim sein kann, ebenso die Bilder, die ihrer inneren Struktur entsprechen.

Im Grunde liefe nach dieser Überlegung alles darauf hinaus, wieder zum Christentum

und zur alten Kirche zurückzukehren. Davor schrecken fast alle zurück. Sie meinen,

sie würden bevormundet und müssten ihrer Vernunft Gewalt antun.

Vielmehr geht es vor jeder „Verkündigung"  darum, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, seine eigene Seele zu entdecken und sie in den Schöpfungen früherer Generationen wieder zu finden.

Es ist ein guter Weg, sich mit den eigenen Träumen zu beschäftigen und deren

Symbole in den Bildern mittelalterlicher Kirchen und der Bibel zu erkennen. Die

erlebnishafte Erschließung der eigenen und kollektiven Symbole setzt eine

ungeahnte Kraft frei.

Jung ist davon überzeugt, dass die Dogmen und Riten der Kirche einen kostbaren

Schatz darstellen, dass sie die schönsten Schöpfungen der Seele sind, dass es

darauf ankommt, ihre Verwandtschaft mit der Seele aufzuzeigen und sie als inneren

Besitz zu erfahren.

 

  1. Das von selbst wirkende Klima.

Die erste ist das gute Klima des Gesprächs. Es muss geprägt sein von

Aufmerksamkeit, Wohlwollen, Einfühlung und Freisein von jedem Druck, vor allem

von dem  der Zeit. Die Erfahrung, ernst genommen und verstanden zu werden, öffnet bei  vielen den Grund ihrer Seele, oft begleitet mit Erschütterungen und Tränen. Es

beginnt eine innere Entwicklung, die sich selbst vorantreibt und keine Motivierung

von außen braucht. Ergebnis ist eine neue Einstellung zu sich selbst und eine

Wandlung von innen her. Zu wünschen wäre eine eigene Analyse; sie würde dem

heute geforderten Stand therapeutischer Kompetenz entsprechen. Die Erfahrung

zeigt, dass die Arbeit mit Träumen, mit den Bildern und Schöpfungen der eigenen Seele am ehesten in die Auseinandersetzung mit sich selbst und zum Religiösen führt.

Das Religiöse geht über den Leib.

Die andere, uralte, heute neu entdeckte Möglichkeit, das religiöse Erlebnis zu

erschließen, ist die Erfahrung des Leibes zu intensiverer Bewusstheit. Es darf auf die verschiedenen, heute praktizierten Methoden der Leiberfahrung

hingewiesen werden, die den Raum des Religiösen öffnen können. Es gibt

Atemtherapie, Eutonie, Sensory Awareness, die initiatische Leibtherapie von Graf

Dürckheim und viele andere aus dem Osten kommenden Künste, welche zum

das Ziel haben, den Menschen mit der Ganzheit und Tiefe seiner Existenz in Kontakt

zu bringen. und den Leib durchlässig für die Transzendenzerfahrung zu machen.

Konkret geschieht folgendes: Die Teilnehmer eines Kurses werden angeleitet, zur Ruhe zu kommen, in besonderer Weise auf den Atem zu achten, im Stehen, Liegen, Sitzen, Gehen sich bewusst wahrzunehmen, ebenso in anderen Bewegungen wie verneigen und knien,  

Dies alles schafft eine Atmosphäre der Ruhe, des Friedens, der Ehrfurcht, wo Teilnehmer das Empfinden haben, angekommen und erfüllt zu sein. Wenn solche Veranstaltungen mit einem Gottesdienst abgeschlossen werden ist nichts

Aufgedrängtes oder Übergestülptes.

Dabei sollen auch die uralten religiösen Praktiken nicht vergessen werden: das

Fasten und die Fußwallfahrt. Der volle Entzug von Nahrung wendet den gesamten

Organismus, Leib und Seele von außen nach innen. Der Jakobusweg ist heute für

viele zum großen Ereignis ihres Lebens geworden und hat gewaltige seelische

Spuren hinterlassen.

Religiös werden heißt: Anschluss finden an die Tiefe der eigenen Existenz.

Dies geht einher mit der Fähigkeit zu einer endgültigen Entscheidung und der

Dauerhaftigkeit einer Bindung. Nach dem Psychologen Stanislav Grof ist das

Ergebnis einer spirituellen Entwicklung eine größere Freiheit der persönlichen Wahl

und ein tieferes Gefühl von Verbundenheit mit anderen Menschen, der Natur und

dem Kosmos., das heißt Freiheit und Nähe kommen harmonisch zusammen und

damit auch Mut und Vertrauen.

Den Drang der Menschen unserer Zeit nach Ausprägung ihres individuellen

Menschentyps kann man nicht verbieten oder auslöschen. Er muss nicht ratlos

machen, sondern kann in einer spirituell geprägten und rational reflektierten

Begleitung aufgefangen und zu seinem Ziel geführt werden. Darin kann sich die

richtig verstandene, radikale Nachfolge Christi vollziehen. Denn Gott ist dort, wo

jeder ganz er selbst ist.

Im Sonnengesang des heiligen Franziskus von Assisi wird deutlich, wohin die

Nachfolge Christi führt: Es ist die Nähe zu Gott, die Nähe zur Schöpfung, die Nähe

zu den Menschen, Überwindung des Leids und der Angst vor dem Tod.

Der Anschluss an die christliche Tradition muss nicht ein demütigender Kniefall, ein

Gang nach Canossa sein, sondern ist die erleuchtende Erkenntnis, dass bei dem,

was in Liturgie und Lehre oft so rätselhaft erscheint, etwas von der eigenen Seele

mitschwingt. Der Weg nach innen beginnt dann, wenn das Interesse erwacht für das,

was in einem selbst vorgeht, einen quält und umtreibt oder einem Hoffnung macht.

Der Blick in die eigene Seele, in deren Bilder und Strukturen öffnet neue

Perspektiven für das eigene Leben und zugleich den Sinn der uralten christlichen

Symbole. Wenn einmal die Innenräume der Seele erschlossen sind, können die

äußeren Räume Kirche zur Heimat werden.

. Die Erfolglosigkeit christlicher Verkündigung dürfte darin einen Grund haben, dass

in der theologischen Ausbildung zwar ausführlichst der kognitive Bereich das heißt

der des äußeren Wissens und des Verhaltens reflektiert wird, nicht aber der

emotionale. Dabei entscheidet der Gefühlsbereich am meisten über Gelingen oder

Misslingen eines Lebens und der Verkündigung. Deshalb ist die reflektierte,

verantwortete Arbeit mit Gefühlen wie in der Psychotherapie ein wesentlicher

Ansatz, um nicht in der Ratlosigkeit stecken zu bleiben.

Wir öffnen Menschen dann den Zugang zu ihrer Tiefe, wenn wir sie in dem, wie sie

sind, ernst nehmen, uns von deren Not und Hoffnung betreffen lassen und ihnen

einen Raum des Aufatmens bieten. Ebenso sollten wir die neuen Möglichkeiten, das

Spirituelle zu erschließen, wahrnehmen. Man muss nicht unbedingt nach neuesten

Methoden suchen. Wichtiger ist die Wachheit für Erfahrungen der Transzendenz und

der existentiellen Tiefe. Wer davon berührt ist, wird Gottesdienste und

Veranstaltungen so gestalten, dass sie von sich aus überzeugen. Ergriffenheit

überträgt sich von selbst