Gegen den Tod wächst kein Kraut, aber der Geist.

Was ist nach dem Tod? Gibt es ein Jenseits? Die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod ist dem modernen Menschen im Gegensatz zu nicht-europäischen Kulturen und zur Auffassung des Mittelalters fremd. Was nach dem Tod kommt, erscheint Lichtjahre entfernt. Wenn schon der Tod im Bewusstsein des normalen Mitteleuropäers nicht vorkommt, wie soll da ein Gedanke an das Schicksal nach dem Tod Fuß fassen können? Der Vorwurf der Vertröstung auf das Jenseits scheint den Theologen so in die Knochen gefahren zu sein, dass sie von einem Leben nach dem Tod kaum zu reden wagen. Schließt sich Diesseits und Jenseits des Todes aus oder gibt es einen Weg, wo ein Leben im Hier und Jetzt, in dieser Welt, in diesem Leib, mit diesen Menschen voll und ganz zur Erfüllung kommt und die Tatsache des Todes miteinschließt? Sehr häufig wird der Streitfall, ob es Gott gibt, und ob Religion sinnvoll ist, gleichgesetzt mit der Frage, ob es nach dem Tod noch „etwas gibt", ein Jenseits, ein Weiterleben, eine Verantwortung, der man sich stellen müsse. Da man aber solches nicht beweisen könne, lohne sich auch die Beschäftigung mit der Religion nicht. Der Gedanke an den Tod verderbe einem zudem die Lebensfreude und sei Ausdruck einer pessimistischen Weltsicht. Man möchte hier und jetzt leben und zwar möglichst aus dem Vollen schöpfen. Ein jugendliches Dasein, mit dem es sich erträglich leben lässt, ist einem lieber als eine vage Verheißung, die nur Anstrengung kostet. So denken die meisten, die sich von Religion freihalten. Doch es gibt auch Klügere, die sich den Fragen des Lebens und des Todes in ihrem ganzen Umfang und in ihrer umfassenden Bedeutung stellen, deren Geist so groß wurde, dass sie dem Tod nicht mit Angst, sondern mit Sicherheit und sogar mit Freude ins Auge schauen. Von den großen Geistern sei der griechische Philosoph Sokrates + 399 v.Ch erwähnt, der heilige Franziskus (1181 - 1226), zum Tod Verurteilte vor der Hinrichtung, Menschen aus unserer Zeit.
Sokrates
Dazu einige Sätze, die er kurz vor seinem Tod im Gespräch mit seinen Freunden geäußert hat. „In der Tat bereiten sich die echten Philosophen auf das Sterben vor und der Tod ist für sie weniger schrecklich als für andere Menschen. Dann ist die Reise, die ich jetzt antreten muss, mit einer herrlichen Hoffnung verbunden. Dies gilt auch für jeden Menschen, der glaubt, dass sein Geist gewissermaßen gereinigt ist.... Nun aber müsst ihr glauben, dass ich bestimmte Hoffnung habe, zu guten Menschen zu kommen. Das kann ich nicht mit Gewissheit behaupten. Dass ich jedoch zu Göttern kommen werde, die besonders gute Herren sind, möchte ich mit Gewissheit behaupten......Aber schon ist es Zeit, dass wir gehen - ich, um zu sterben, ihr um zu leben: wer aber von uns den besseren Weg beschreitet, das weiß niemand, es sei denn der Gott."
Vor der Hinrichtung
Äußerste bewegende Zeugnisse, wie Menschen dem Tod begegnen, liefert der Priester Abbé Stock, der während des Krieges von 1942 bis 1944 Gefängnispfarrer in Paris war und über tausend als Widerstandskämpfer Verurteilte zur Hinrichtung führte. Er musste ihnen den Termin überbringen, er nahm ihnen die Beichte ab, reichte ihnen die Kommunion, feierte die Messe mit ihnen und überbrachte den Angehörigen letzte Grüße und Andenken. Aus seinem Tagebuch seien einige Eintragungen erwähnt: „A.D.noch ganz jung. Wollte nicht die Augen verbunden haben. Man tat es doch. Riss im letzten Augenblick die Binde ab und lächelte. Ich bete mit ihm, dann sagte er "Vous ètes` un chic type" (Sie sind ein toller Kerl") und wollte mich umarmen. Lachend schaute er dem Tod ins Auge".
Von einem anderen steht in seinem Tagebuch. „A.B. hatte Namenstag und sang immerzu Kirchenlieder. Er wollte singend sterben, sang am Pfahl mit klarer melodischer Stimme das Ave-Maria, als das Kommando „Feuer" kam".
Aus dem Brief eines Verurteilten an seine Frau und seine Kinder: „Morgen früh um sieben Uhr erschießt man uns. Die Wege Gottes sind unerforschlich, sein Wille geschehe. Jetzt ist es fast drei Uhr. In vier Stunden werde ich tot sein und ich fühle mich so ruhig und so heiter, dass ich mich selbst wundere... Es gibt vor allem keine Rachegedanken in unserem Herzen." Abbé Stock fuhr mit den Verurteilten zum Mont Valérien, wo die Erschießungen stattfanden, betete unterwegs im Wagen mit ihnen die Sterbegebete, begleitete sie bis zum Pfahl und segnete sie zum letzten Mal. Der Tod hatte für sie seinen Schrecken verloren. Das Sein nach dem Tod wirft in diesen Fällen nicht seinen Schatten, wohl aber sein Licht voraus.
Eine Zen-Meisterin
Eine Zen Meisterin, Schülerin von Karlfried Graf Dürckheim, bekam die Diagnose, dass ihr Krebs soweit fortgeschritten sei, dass es keine Heilung mehr gibt. In ihrem Abschiedsvortrag, Teisho genannt, schreibt sie: „Den Tod fürchte ich nicht; denn es gibt keinen Tod!. Den Abschied fürchte ich nicht; denn es gibt keine Trennung...... Es gibt keinen Krebs, der mich krank machen könnte. Dieser Krebs ist nichts anderes als ich selbst. Ich bin das. Und indem ich das aussprach, fühlte ich: dieses Ich, dieses Krebs-Ich war vollkommen heil, wie es immer war. Von Kopf bis Fuß. Ganz und gar unversehrt, -weit und breit. Grenzenlos. Natürlich wissen wir das alle. Natürlich wusste ich das. Aber in jenem Augenblick wusste ich es wirklich. Und hätte da nicht der Arzt gestanden, so hätte ich mich tief verneigt vor Glück und Dankbarkeit.
Es sind nicht nur die herausragenden Gestalten der Geschichte, denen der Tod kein Schrecken ist. Es sind oft Menschen aus nächster Nähe, Verwandte, Freunde, die in ähnlicher Verfassung ihrem Tod entgegen schauen. Als einer von vielen Fällen sei der schmerzliche, aber unvergessliche Abschied der Frau eines Freundes erwähnt, aus einer glücklichen Ehe, einer Mutter von vier Kindern. Sie musste mit 50 ihr Leben hergeben. Die Bekannten und Freunde, die sie in ihrem Todesleiden besuchten, waren verlegen, wie sie die Sterbende trösten sollten. Sie gingen aber selbst getröstet und beglückt von ihrem Krankenbett weg.
Wir sterben nicht
Gibt es ein Weiterleben oder sogar ein ewiges Leben? Ist der Tod das endgültige Aus oder das Tor zum Licht, wie Menschen mit Nahtoderlebnissen berichten? Gibt es eine begründete Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod? Der christliche Glaube verspricht ewiges Leben. „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben" (Joh 11, 25/26). Dies erregt heute kaum noch Aufmerksamkeit. Warum haben diese Worte ihre Anziehung verloren? Man hat der christlichen Verkündigung vorgeworfen, sie würde vom Glück in dieser Welt ablenken und auf das Jenseits vertrösten. Der Akzent scheint hier auf dem Gedanken zu liegen, dass erst nach dem Tod die volle und wahre Lebensfreude zugelassen sei, während man sich in dieser Welt zu beherrschen habe und seinen Wünschen und Trieben enge Grenzen setzen müsse. Dieser Vorwurf trifft heute kaum noch zu. Der Grund dürfte eher darin liegen, dass der Tod als fühlbare Nähe in der modernen Gesellschaft nicht vorkommt und man sich deshalb mit der Tatsache nicht auseinandersetzt.
Zunächst gilt es, zum Begriff „ewig" ein Missverständnis auszuräumen. Die Ewigkeit stellt man sich gewöhnlich als eine unendlich lange, nie aufhörende Zeit vor. Um Kindern die Ewigkeit zu erklären, hat man früher vom Vöglein erzählt, das alle tausend Jahre komme, um seinen Schnabel am Gipfel eines hohen Berges zu wetzen. Wenn der Berg vom Wetzen des Schnabels abgetragen ist, sei eine Sekunde der Ewigkeit vergangen. Das Bild ist zwar sehr anschaulich, trifft aber nicht den Kern der Aussage.

Ewigkeit ohne Sekunde

Denn Ewigkeit hat gar keine Sekunde. Es gibt nur ein immerwährendes Jetzt. Es ist die Zeitlosigkeit, die in den Aussagen von Dichtern, Philosophen, Religionsstiftern und Heiligen aufscheint. Deshalb können wir uns auch heute nach mehr als zweitausend Jahren von der Weisheit Laotses, des biblischen Kohelet, von den Worten Jesu und vom Sonnengesang des heiligen Franziskus ergreifen und inspirieren lassen oder auch von der Musik von Bach, Händel, Mozart, Beethoven.
Wir reagieren dabei mit dem Bereich unserer Persönlichkeit, der nicht an der Oberfläche, sondern in der Tiefe unserer Seele liegt. Wenn wir die zeitlosen Aussagen auf uns selbst wirken lassen, stoßen wir zu einer tieferen Einsicht vor, was wir als beglückend und erfüllend erleben. Wir sind mit einem bisher unbekannten Teil unserer Seele in Kontakt gekommen und zu mehr Gewissheit, wir selbst geworden zu sein. Wir haben die Empfindung, mehr im Hier und Jetzt zu leben. Zugleich fühlen wir uns dem Autor des Textes nahe, spüren seine Gegenwart und überbrücken damit Jahrhunderte, die uns von ihm getrennt haben. Wir tauchen damit ein Stück in die Zeitlosigkeit ein. In diesem Sinn kann das Wort des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard verstanden werden, dass jeder Augenblick, den wir als erfüllt und vollendet erleben, ein Atom der Ewigkeit ist. Dazu sagt der Mystiker Angelus Silesius: "Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit, so du nur selber nicht, machst einen Unterscheid". Ewigkeit meint also nicht eine nie unterbrochene Zeit, sondern ist als Qualität im Sinne von Ergriffenheit und Tiefe der Existenz zu verstehen, in der das Eigentliche unseres Daseins, das Wahre, Gute und Schöne des Seins zum Tragen kommt. An der Ewigkeit teilzuhaben bedeutet im Zustand des Ergriffenseins im Hier und Jetzt leben. Was uns ergreift, ist die letzte Einheit, der einende  Punkt, der alles zusammenhält, der die Bedingungen des Archimedischen Punktes erfüllt.
Der Tod - Ziel und Vollendung
Es mag für viele überraschend sein, dass nicht ein Theologe, sondern der Psychiater und Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung den Satz gewagt hat: „Der Tod ist Ziel und Vollendung!" Hier bestätigt Jung, was über die beeindruckenden Gestalten gesagt wurde und was er selbst in seiner eigenen Lebensgeschichte und an seinen Patienten beobachtet hatte: Es gibt in der zweiten Lebenshälfte eine Entwicklung und ein Wachstum der Persönlichkeit hin zu mehr Geschlossenheit, Authentizität, sowohl zu mehr kritischem wie verstehendem Denken, zu mehr spiritueller Tiefe und Ausstrahlung. „Doch wenn wir in die Tiefe der Seele eindringen und ihr geheimnisvolles Leben zu versehen suchen, erkennen wir, dass der Tod kein sinnloses Ende ist, kein bloßes Verschwinden im Nichts -er ist Vollendung, eine reife Frucht am Lebensbaum, ein Ziel, auf welches ein Leben lang hingelebt und hingearbeitet wurde." Auf den Tod hin leben heißt demnach, auf die eigene Vollendung hinleben. Die Berührung mit dem Tod gibt eine eigene Lebensqualität. Hier dürfen wir auch den Medizinmann aus Mexico Don Juan bei Carlos Castaneda zitieren: „Der Tod ist der einzig weise Ratgeber, den wir haben. Immer wenn du, wie es bei den meisten der Fall ist, das Gefühl hast, dass alles falsch läuft und dir das sichere Ende bevorsteht, dann wende dich an den Tod und frag ihn, ob das zutrifft. Dein Tod wird dir sagen, dass du Unrecht hast; dass nichts wirklich wichtig ist außer seiner Berührung.... Ungeheuer viel Belangloses fällt von dir ab, wenn dein Tod dir ein Zeichen gibt, wenn du einen Blick auf ihn werfen kannst, oder, wenn du einfach das Gefühl hast, dass dein Begleiter da ist und dich beobachtet" .In einer Welt, in welcher der Tod verdrängt wird, klingen solche Ratschläge befremdend. Viele unserer Zeit können das Sterben von Angehörigen nicht aushalten und überlassen alles, was damit zu tun hat den dafür zuständigen Personen und Institutionen. Es gibt aber auch eine ganz andere ermutigende Sicht. Viele Frauen und Männer motiviert die Berührung mit dem Tod so tief, dass sie sich als Sterbegleiter/innen ausbilden lassen.


Nahtoderfahrungen: das Leben ändert sich
Hier sollten wir auch die Nahtoderfahrungen, von denen glaubwürdige Personen berichten, zur Kenntnis nehmen. Es geht hier nicht um Beweise für ein Weiterleben nach dem Tod, sondern um die Folgen für das weitere Leben in dieser Welt. Die Berichte stimmen darin überein: Das Leben wird für die Betroffenen dichter, kostbarer, tiefer, ganz anders als die Oberflächlichkeit und Banalität ihrer Umgebung. Interessen und Wertvorstellungen ändern sich. Es erwacht ein Wissensdurst für existentielle Fragen, wie sie in Religion und Philosophie aufscheinen. Dies ist wiederum kein Rückzug auf eine private Insel der Seligen, vielmehr öffnet sich ein besseres Verstehen anderer, ebenso Anteilnahme an ihrem Schicksal und Verbundenheit auf einer tieferen Ebene. Das wichtigste von allem dürfte sein: Sie haben die Angst vor dem Tod verloren und damit vor vielen Menschen und Situationen, die das Leben behindern. Auf den Wandel der Einstellung kommt es an. Damit ist gemeint, ob wir die Dinge, das heißt unser Dasein, von außen oder von innen, im Sinne des objektiven, distanzierten Beobachtens oder des existentiellen Betroffenseins betrachten. Es gilt, einen Standpunkt zu finden, welcher der ganzen Wahrheit Raum gibt und den Erscheinungen des gesamten Lebens gerecht wird. Wer im Blick auf die Ewigkeit sein Leben einrichtet, muss sein Dasein nicht verdüstern und menschlich verkümmern, sondern wird gerade umso intensiver und erfüllter leben. Es gibt tatsächlich Menschen, denen diese Aufgabe gelungen ist. Dazu ist für Sören Kirkegaard Sokrates eine überzeugende Gestalt, einer, der sich der Annahme „Wenn es eine Unsterblichkeit gibt" gestellt und auf dieses Wenn sein ganzes Leben gesetzt hat. „Er wagte es zu sterben - er hat die Flucht verweigert - und sein ganzes Leben hat er mit der Leidenschaft der Unendlichkeit so eingerichtet, dass es als annehmbar befunden werden musste, wenn es eine Unsterblichkeit gibt"                                         

Wahrheit nicht ohne Betroffenheit

. Der bissige Kritiker der Frommen will sagen: Das Schicksal nach dem Tod ist eine Wahrheit, die sich nur durch existentielle Betroffenheit als wirklich erweist. Ich kann auf die Frage: "Was geschieht nach dem Tod?" nur eine Antwort finden, indem ich die Problematik auf mich voll und ganz wirken lasse und damit einen Prozess auslöse, der das Leben verändert und die Angst vor dem Tod aufhebt. Man muss sich nicht nach Beweisen umschauen, ob es nach dem Tod noch etwas gibt, ob Gott existiert und die Aussagen über ihn stimmen. Man muss sich auch nicht dazu zwingen, Unverständliches und Unvernünftiges hinzunehmen. Es braucht allerdings die Bereitschaft, in sein eigenes Leben zu schauen und zwar im Hier und Jetzt, ohne Aufschub, ganz gleich, wie alt man ist.
Im Herzen des Lebens - in die Tiefe der Existenz
Wer mutig dem Tod ins Auge schaut wie der junge Mann vor dem Erschießungskommando, dessen Geist wächst und wird so groß, dass er die Angst verliert. In der Auseinandersetzung mit dem Tod sei der Bericht einer Frau zitiert, die dem Ende ihres Krebsleidens entgegengeht. „Ja, bei mir ist der Ernstfall recht nahegekommen (die OP muss nicht „glücken"/das Leiden wird womöglich danach erst beginnen...). Ich hatte fünf Monate Zeit, mich der Situation zu stellen. Ich staune über die Gelassenheit, die mir allmählich geschenkt wurde. Es war noch erfüllte Lebenszeit seit Juni. Ich konnte vieles ordnen und tun, was mir wesentlich erscheint (vor allem die Korrespondenz mit meinen kostbaren Freundinnen) ... und so spürte ich ein dichtes Netz von Segen und Kraft (u. Zuversicht), in dem ich mich aufgehoben fühle. Wie auch immer das alles ausgeht, es wird das Richtige sein. Nach 30 Jahren habe ich wieder das Buch von Karlfried Graf Dürckheim ständig bei mir: „Mein Weg zur Mitte" (autobiografische Gespräche mit Alfons Goettmann) wie für mich - Jetzt - bestimmt! Dank dem Leben!" Der Bericht ist ein Zeugnis nach 35 Jahren intensiver Selbsterfahrung, des Ringens mit Problemen in der Ehe, in der Familie, ihres ganz eigenen Weges zum Glauben und zu sich selbst. In ihr wuchs der Geist, der so groß wurde, dass sie die Angst vor dem Tod verlor. Es öffnete sich eine Entwicklung und ein Wachstum der Persönlichkeit, ein Prozess, der sich selbst vorantrieb und entsprechende Fragen und Bedürfnisse aufkommen ließ. Sie lernte, sich zu verstehen und versöhnte sich mit sich selbst und mit denen, mit welchen sie Konflikte hatte. Sie ließ sich von der anderen Seite ihrer Persönlichkeit, die sich in einem Gespräch, in einer absoluten Stille, in einem Gedicht oder einer Musik meldet, berühren und durchstand viele Erschütterungen. Sie gelangte zu einer existentiellen Tiefe, mit der sie dem Tod in Ruhe und Gelassenheit entgegen schaute. Sie hat  eine Geschichte hinter sich, in der ihr Leben durchkreuzt wurde und sie in eine tiefere, umfassendere Dimension eingetaucht wurde. Es waren bittere Wahrheiten, zerschlagene Pläne und Erwartungen an denen sie nicht zerbrochen, sondern gewachsen ist.

Die Wende nach innen

Wenn wir nicht mehr weiter können, werden wir gezwungen, uns nach innen zu wenden und uns um die Heilung unserer Wunden zu bemühen. Der innere Mensch hat die Chance zu wachsen. Voraussetzung ist allerdings, dass unsere innere Quelle geöffnet ist. Existentielle Tiefe ist ein Wert, der dem Tod standhält. Dies trifft die Aussage des libanesischen Dichters Khalil Gibran: Ihr möchtet das Geheimnis des Todes kennen lernen. Wie werdet ihr es finden, wenn ihr es nicht im Herzen des Lebens sucht. Er weist auf ein Zentrum hin, das als absolute Instanz Leben und Tod umfasst, auf jenen festen Punkt, von dem aus die Angst ihre Kraft verliert. Man muss nicht nach Beweisen suchen, ob es nach dem Tod noch etwas gibt, ob Gott existiert und die Aussagen über ihn stimmen. Man muss sich auch nicht dazu zwingen, Unverständliches und Unvernünftiges hinzunehmen. Es braucht allerdings die Bereitschaft, in sein eigenes Leben zu schauen und zwar im Hier und Jetzt, ohne Aufschub, ganz gleich, wie alt man ist. Es öffnet sich ein innerer Weg, eine Entwicklung und ein Wachstum der Persönlichkeit, die sich selbst vorantreibt und entsprechende Fragen und Bedürfnisse liefert. Ich muss lernen, mich selbst wahrzunehmen und zu verstehen, mit mir selbst in Kontakt zu kommen und mich mit mir selbst zu versöhnen. Gemeint ist, dass ich mich von der anderen Seite meiner Persönlichkeit, die sich in einem Gespräch, in einer absoluten Stille, in einem Gedicht oder einer Musik meldet, berühren oder sogar erschüttern lasse. Dazu seien wichtige Momente empfohlen: Nicht alles begreifen müssen, sondern sich ergreifen lassen! Nicht alles beurteilen, einordnen, angreifen, sondern sich betreffen lassen. Nicht alles erklären wollen, sondern auf sich wirken lassen!

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