VHS Augsburg 13.10.2026
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Religion im Abseits - Mythos oder Archimedischer Punkt?
„Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt" lautet der Titel des Buches von Jan Loffeld, der als
Pastoraltheologe die Situation der Kirche und der Religion in der modernen Gesellschaft kritisch untersucht und ein radikales Desinteresse an Glaubensfragen feststellt. Er kommt zu dem Ergebnis, der zunehmenden Entfremdung einer säkularisierten Gesellschaft von Religion und Kirche könne kaum Einhalt geboten werden. Die Menschen könnten auch ohne Religion ein erfülltes Leben führen. Religion sei nichts als eine Option d.h eine Wahlmöglichkeit unter anderen. Welche Alternative gibt es dann zum allgemein üblichen Angebot? Von der Substanz des Christentums aus müsste es eine solche geben. Denn es hat sich in ihren Ursprüngen, in der Zeit des Römischen Reiches, stärker erwiesen als die ganz anders geartete Umgebung.
Der Glanz des Papsttums und das Elend der Kirche
Der Tod eines Papstes, die Wahl des neuen und dessen Amtseinführung erregen die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Es treffen sich die Spitzenvertreter der großen Mächte und der kleinen Länder. Der Vatikan wird sogar zur Konfliktlösung im Ukrainekrieg genannt. Obwohl ohne Machtverfügung genießt das Papsttum ein hohes Ansehen.
Der jetzige Papst Leo XIV: G genießt hohe Achtung, Ansehen, er widerspricht dem Trump. Kerkeling: Man sollte auf den Papst hören:: In Frankreich ein großer Erfolg : 800 000 Jugendliche auf den Champs des Elysees.Im völligen Gegensatz dazu steht die Kirche vor Ort. In Deutschland und in anderen westlichen Ländern ist die Institution im freien Fall. Bei Sonntagsmessen trifft man selbst auf dem Land, welches einmal letztes Reservoir für religiöses Leben war, nur auf eine kleine Schar in den hintersten Bänken. Der Trend, in dem sich die Mitglieder abwenden, ist gewaltig. Im Jahr der Wiedervereinigung 1989 waren noch knapp 3/4 aller Deutschen katholisch oder evangelisch. Ein Viertel hat sich in der Zwischenzeit von den Kirchen verabschiedet. Dies bestätigen die Kirchenaustritte. „. Im Jahre 2023 verließen an die 400.000 Mitglieder die katholische Kirche, zusammen mit der evangelischen Kirche an die 800000. Die Leute laufen in Scharen davon, nicht nur die religiös Uninteressierten, auch die religiös Suchenden mit einem höheren Anspruch. (Kinder-) Taufen schwinden und damit die absolute Größe abnimmt. Die Prognose, dass sich die Zahl der Katholiken in Deutschland bis 2060 halbieren werde, scheint sich zu bestätigen.
Gründe des Rückgangs: Religion hat keine Bedeutung
Es bräuchte eigentlich keine Soziologen, um festzustellen, dass die christlichen Kirchen in Deutschland keinen Einfluss auf die Entwicklung in der Gesellschaft nehmen, dass sie dem Trend des Populismus in das rechte Extrem , auch nicht in das linke, noch der eigene Entwicklung ins Abseits etwas Wirksames entgegensetzen" . Das geringe Interesse der verbleibenden Kirchenmitglieder sei nicht allein mit dem Verhalten der Pfarrer oder Bischöfe zu erklären. „Der Grund, warum die Menschen nicht stärker am kirchlichen Leben teilnehmen, ist nicht der, dass sie an der Kirche so viel stört. Vielmehr ist ihnen das Engagement in der Kirche nicht wichtig". Es ist gar nicht erst der Ärger über Skandale, über Botschaften oder Stellungnahmen der Kirchen, welcher die Leute aus der Kirche treibt. Vielmehr ist es die Tatsache, dass die Zugehörigkeit zur Kirche für das Alltagsleben und die Grundhaltungen der Menschen keine Bedeutung hat. Die Mitgliedschaft in der Kirche ist kein Wert, für den man Aufmerksamkeit, Zeit und Geld aufbringt. Es ist die Bedeutungslosigkeit der Kirche gegenüber den geistigen Strömungen, der Denkweise und des Lebensgefühls der modernen Menschen trotz Verlautbarungen, Anmahnungen und Aktionen der organisierten Nächstenliebe.
Mythen: Geschichten, die man vergessen kann
Nach einer Umfrage halten ungefähr 80 Prozent der Deutschen Religion nicht für wichtig. Was in der Kirche, im Bereich der religiösen Praxis und in den theologischen Diskussionen abläuft, erscheint denen, die „mit Kirche nichts am Hut haben", als eine fremde Welt, wofür Personen mit höherem Bildungsanspruch das Wort Mythos gerne verwenden. In einer Ausgabe Des Spiegels vor einiger Zeit stand die Schlagzeile „Was bleibt von Jesus Christus? Über den Mythos, der die Welt prägte?" Es ist ein Artikel des verstorbenen Herausgebers Rudolf Augstein (1923-2002) , der zeitlebens seine Entscheidung gegen die Kirche zu begründen versuchte und der mit seiner Einstellung auch heute noch dem aufgeklärten, kritischen Teil der Bevölkerung entspricht.
Ist der Abwärtstrend aufzuhalten?
. In den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung hat sich der Glaube an Christus durchgesetzt gegen die Macht des Kaisers, ohne Privilegien, ohne Kirchensteuer, ohne Concordat, sogar bei grausamster Verfolgung. Es kann nur heißen: Im Christentum muss eine Kraft sein, die stärker ist als die Strömung der Zeit! Jesus spricht vom kleinen Häuflein Sauerteig, das einen ganzen Trog Mehl durchsäuert (Mt13,33).
Wie kann die Kraft der frühen Kirche geweckt werden? Wenn die Leute davonlaufen, wohin laufen sie? Statt in die Beichtstühle, in die psychologische Beratungsstelle! Statt in die Messe, zu Yoga, zu Zen-Sitzungen, zu esoterischen Veranstaltungen, nach Indien, in ein Ashram, und Japan um Religion pur zu erleben. Eines kann man schon sagen: Die Menschen suchen Erfahrung, nicht Belehrung
Gott jenseits von Küng
Gott kann nicht bewiesen und nicht widerlegt werden.
Der Theologe Hans Küng hat sich in seinem Buch „Existiert Gott?" kritisch mit den Religionskritikern, darunter den Philosophen der Neuzeit Ludwig Feuerbach, Karl Marx, Friedrich Nietzsche und dem Begründer der modernen Psychotherapie Sigmund Freud auseinandergesetzt und kommt zu einem eindeutigen JA. Seine Argumente helfen nur dem, der schon auf derselben Seite steht, der schon an Gott glaubt... Solange die Frage nach Gott in der Perspektive des Beobachters, des rationalen Vorgehens behandelt wird, gibt es kein Ergebnis, das einen selbst und andere schlagend überzeugen könnte. Es werden Argumente dafür und dagegen mit gleichem Gewicht vorgebracht. Gott kann nicht bewiesen und auch nicht widerlegt werden! Damit hat das Gespräch meist ein Ende. Es könnte aber neu beginnen. Denn: Gott kann erfahren werden als die Kraft, die einen Menschen total verwandelt. Dafür stehen Menschen mit ihrer Lebensgeschichte. Denken wir an Ettie Hillesum und Fritz Gerlich, deren erschütterndes Schicksal keinen Zweifel lässt, dass religiöse Erfahrung wirksam ist. Dazu gehört André Frossard, dessen Wandlung vom Fundamentalatheisten zum jubelnden Gläubigen in kein soziologisches und auch nicht in das übliche psychologische Schema passt. Auf dem Hintergrund ähnlicher Erfahrungen konnte der Theologe Paul Tillich sagen: „Gott ist das Symbol für das, was mich unbedingt angeht". Darin bestätigt er Augustinus und andere Theologen, unter ihnen den Franziskaner Bonaventura (1221-1274), der sagt, „Deus animae intimus est". Man kann es übersetzen mit „Gott ist der Seele am nächsten", oder „Gott ist das Intimste." Gott ist nicht außerhalb von uns, als eine Gestalt, die von außen in diese Welt eingreift, sondern Gott ist in uns selbst, in der Tiefe der Existenz, als eine Dynamik, die einen total in Beschlag nimmt und verändert.
Bei der Frage nach Gott , muss ich nicht Absurdes glauben oder einen demütigenden Kniefall machen, sondern das Organ für religiöse Erfahrung wecken. Wenn Gott innen ist, dann ist der erste Schritt nicht der radikale Verzicht, eine heroische Tat, sondern die Wende von außen nach innen. Dies geschieht einmal in der absoluten Stille, am ehesten in der gegenstandslosen Meditation, Zen-. Das kleine Ich wird zur ruhe gestellt und das große selbst wirkt .Nach einem Kurs gehen Teilnehmer erfüllt weg mit der Absicht wiederzukommen und dafür Geld und den Urlaub zu opfern, weil es ihnen wert ist.. Dies ist eine Seite der religiösen Erfahrung.
Die andere ist die Selbsterfahrung, die Bewusstwerdung der unkontrollierten und unbewussten Vorgänge in mir selbst. Die Frage nach Gott ist das Interesse an mir selbst.
Deshalb beginnt die Suche nach Gott bei der Suche nach dem Ureigensten, mit der Frage nach einem selbst: Bin ich an mir selbst interessiert? Wo bin ich zuinnerst betroffen, angefragt, erschüttert und aufgerüttelt? Es gibt Erschütterungen aus dem Innersten, Vorgänge, die in einer therapeutischen Sitzung häufiger vorkommen, so stark, dass jemand die Fassung verliert, dass Tränen kommen. Es bedeutet den Durchbruch zu einem neuen Lebensgefühl, zu neuer Sichtweise, zu neuer Lebendigkeit. Für den hoch spirituell Gelehrten des späten Altertums, Augustinus war es die Wende seines Lebens. Er ist ein überzeugendes Beispiel, wie Gott nicht auf der Ebene des logischen Denkens zu finden ist, sondern in der Existenzweise des Betroffen seins, was den Denk -und Erlebnisrahmen von Grund auf umkehrt. Es muss nicht die große Umkehr sein. Die Ereignisse, die uns am meisten angehen, sind die große Liebe, die man mit der Hochzeit besiegeln will, die Geburt eines Kindes, das man zur Taufe bringt, der Tod, die Erfahrung, einen nahen Menschen verloren zu haben. Betroffene spüren, dass hier eine Macht am Werk ist, die größer ist als ihr eigenes Denken und Planen. Sie möchten dieses Empfinden in einem religiösen Akt zum Ausdruck bringen. Dafür steht das Angebot der Kirche. In welchem Ernst und in welcher Ergriffenheit eine Feier vollzogen wird, in diesem Maße werden Schritte zu Gott getan.
Betroffenheit- für jeden!
Hier ist durchaus ein gelingendes Gespräch auch mit Personen möglich, welche sich als überzeugte Atheisten bezeichnen. Dazu kann Friedrich Nietzsche angeführt werden mit seinem bekannten Zitat „Gott ist tot" in dem Aphorismus „Der tolle Mensch" . Er enthält Aussagen, welche ein erstarrtes Gottesbild neu beleben könnten. „Was taten wir, als wir die Erde von der Sonne los ketteten!" Nietzsche spürt, was mit Gott gemeint ist und was es bedeutet, ihn verloren zu haben..
Neues Gottesbild: nicht mehr am Rande- in der Mitte der Existenz
Es zeigt sich dann ein neues Gottesbild, nicht mehr das am Rande, sondern in der Mitte der Existenz. Nicht mehr eines, das unser Leben einengt, sondern eines, das unserem Dasein volle Entfaltung, Blüte, Wachstum und Reife bringt. Ein Gespräch mit einem Andersdenkenden gelingt am ehesten, wenn es ohne die Absicht geschieht, den andern auf die eigene Seite zu ziehen. Damit wird auch die Spur erreicht, die zu Gott führt. Ob sie ein Mensch bis zur vollen Erfüllung geht, hängt von seiner Entscheidung ab. Nicht Gott ist tot, sondern das „Organ" für Gott ist verschlossen.
Jung hatte durch seine Erfahrung das Organ entdeckt und hat dafür verschiedene Namen: „religiöser Archetyp, der vom der Ganzheit nicht unterschieden werden kann,", „Archetyp des Gottesbildes", eine Entsprechung zum Wesen Gottes. Er hatte Gewissheit erlangt und konnte deshalb auf Frage, ob er glaube, sagen:" Ich glaube nicht. "Ich weiß". Er hatte Glauben im Sinne Paul Tillichs, nach dem Glaube „ergriffen sein von dem, was mich unbedingt angeht,"" ist. Das bedeutet höchste Wachheit, höchstes Interesse, höchste Aufmerksamkeit. Religion ist deshalb nicht eine Sache, die man nebenbei erledigen kann. Sie ist das zentralste Thema, für das es sich lohnt, sich zu öffnen.
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Archimedischer Punkt: Real wie das Leben
Der Archimedische Punkt ist eine Realität, die erfahrbar ist wie Liebe und Hass. Hier hat die Diskussion über Gott ein Ende. Man kann dem Gegner nur sagen: Sie müssen es nicht glauben. Sie können es selbst feststellen, wenn sie voll und ganz in Ihr Innerstes gehen. Es ist der Punkt, der in der absichtslosen Stille und in der absichtslosen Begegnung von selbst erwachen kann.
Der Archimedische Punkt ist absolut.
Er ist außerhalb des Systems des Denkens und Erlebens und der wissenschaftlich erforschten Ursachen und deren Gesetzmäßigkeiten. Für sein Wirken ist nicht das religiös geprägte Umfeld Voraussetzung. Es gibt Menschen, die trotz total atheistischer Erziehung ohne äußere Einflüsse von diesem Punkt ergriffen wurden. Neben André Frossard sei die russische Philosophin Tatjana Goritschewa (1947-2025) erwähnt, die wie A. Frossard atheistisch aufgewachsen war und über Yoga-Übungen zu einem überzeugten Glauben fand.
Absolut heißt für den Einzelnen, wahrnehmen, fühlen und denken jenseits der Emotionen, die durch die eigene Lebensgeschichte bedingt sind, eine Position jenseits der religiösen, weltanschaulichen und politischen Lager einnehmen. Gegensätze, Verletzungen, Rachegefühle, Ängste werden unbedeutend
Als absolut darf die Gewissheit bezeichnet werden, die Pascal und viele andere in spirituellen Erfahrungen empfanden. Als absolut, jenseits von Leben und Tod, haben Ungezählte den Archimedischen Punkt erfahren wie der junge Mann, der vor der Hinrichtung aus lauter Jubel den Gefängnisseelsorger Abbé Stock umarmen wollte.
Der Archimedische Punkt ist die Mitte der Existenz.
Er ist der Erlebnisbereich, der für den einzelnen am wichtigsten, wertvollsten und schönsten ist, der „ihn unbedingt angeht". Wer von ihm berührt war, konnte allen Besitz, sogar Familie, Freunde, aufgeben, weil sie unbedeutend wurden. Es ist der Schatz im Acker und die kostbare Perle, für die man alles hergeben kann. Der Anschluss an die Mitte bedeutet Entfaltung, Freiheit und höchstes Glück des Einzelnen.
Die Mitte, die anzieht und eint.
Stellen wir uns einen Kreis vor, die Mitte des Kreises als den Archimedischen Punkt, der alle an sich zieht. Je mehr sich jeder der Mitte nähert, umso näher kommt er den andern. Von den ersten Christen wird berichtet: „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele" (Apg,4,32). Sie sind ergriffen von demselben Punkt. Daraus werden Vertrauen, erfüllende Begegnungen, eine wohltuende Atmosphäre, auch der Trost in der Not . Einheit ist zugleich Ziel des Inneren Weges. Der Prozess der Selbstwerdung führt zusammen und verleiht die Fähigkeit, Menschen zusammenzuführen in der Achtung vor der Würde und Eigenständigkeit des einzelnen.
Der Archimedische Punkt ist schöpferisch. Er bringt Neues hervor. Es sind Lösungen möglich, an die bisher niemand dachte. Er durchbricht die Leere und Erstarrung einer Gemeinschaft, überrascht durch seine Einfälle und erregt die Aufmerksamkeit vieler. Dafür stehen die geistigen und religiösen Aufbrüche der Jahrhunderte. Als erster ist Jesus selbst zu nennen, der durch die Kraft seiner Gotteserfahrung Menschen zusammenrief und gerade in seinem Tod den absoluten Aufbruch Gottes herbeiführte. Die Namen dafür sind Auferstehung und Sendung des Heiligen Geistes. Die so oft beschworene Verkündigung des Evangeliums zündet dann nicht, wenn sie als bloße Information von Ereignissen und höchsten Normen ankommt. Das Entscheidende ist, dass ein Funke überspringt. So war es bei Jesus, indem er den Archimedischen Punkt in seinen Jüngern weckt, der neue Perspektiven, neue Werte und damit neues Leben voller Freude und Hoffnung verbreitet. Wer davon erfasst ist, kann diesen Punkt auch bei anderen auslösen, der dann weiterwirkt, aber nicht mit äußerer Macht, von oben verordnet, sondern nach Art des Sauerteigs und des Feuers. Dies ist die Weise der Verkündigung, die sich in einer Welt voller Verwirrtheit und Konflikte gegen äußere Macht durchsetzt. So war es bei Franziskus, dem sich nach seinen öffentlichen Auftritten bald Gleichgesinnte anschließen, die von demselben Feuer angesteckt wurden, so war es in Taizé, als Frère Roger Schutz in einer verlassenen Gegend eine Gebets- und Wohngemeinschaft eröffnete, wohin jedes Jahr Tausende von jungen Menschen strömen. Voraussetzung ist, dass jeder Verkündiger an dem Archimedischen Punkt unmittelbar angeschlossen ist.
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