Seelsorge oder Psychologie?
Ganz offensichtlich hat sich in den letzten Jahzehnten eine erhebliche Veränderung der kirchlichen Seelsorge ereignet. Es gab einmal Schlangen vor den Beichtstühlen vor den hohen Festtagen. Davon ist kaum etwas übrig. Stattdessen sind die Anfragen an psychologische Beratungsstellen und psychotherapeutischen Praxis nicht mehr zu bewältigen. Wird kirchliche Seelorge von der Psychologie abgelöst? Es würde nicht weiterbringen, würde man diese Erscheinung dem säkularisierten Zeitgeist zuschreiben oder der religiösen Gleichgültigkeit des modernen Menschen. Hilfreicher ist es, dem nachzugehen, was Menschen von der Kirche und deren Methoden wegtreibt und deren Angebote im herkömmlichen Stil genauer zu durchleuchten. Vor allem gilt es darauf hinzuschauen, welche Ansätze es gibt, damit kirchliche Seelsorge auch in einer säkularisierten Gesellschaft gefragt ist und gerade das zu bieten hat, was im Rahmen der akademischen , allgemein anwerkannten Psychologie nicht vorkommt.
Am konkreten Menschen vorbei
Die rein theologische Ausbildung übersieht den konkreten Menschen in seinem umfassenden Schicksal und in seiner entscheidenden Lebensgestaltung. Man soll „Seel"- Sorger sein und weiß von der eigenen Seele so gut wie nichts, genauso wenig von der Seele der Menschen, die mit ihren Problemen zu einem kommen. Diese sind nicht wenige und nicht unbedeutend: Kränkungen, Verletzungen, Entwürdigung im engsten Raum, schmerzende Trennungen, keine Geborgenheit für hilflose Kinder, keine feste Bindung und Vertrauen bildende Einstellung im späteren Leben. Dazu kommt, dass die Konflikte in der Kirche selbst unlösbar erscheinen und oft irrational enden. Als Seelsorger ist man unmittelbar von der Problematik und vom Leid der Menschen betroffen. Was tun, wenn mit Selbstmord gedroht wird oder was soll man nach einem Selbstmord den Betroffenen sagen? Was bei Konflikten in der Ehe, bei Trennungen, bei Depressionen? Man kann als Seelsorger, zu dem eine leidende Person Vertrauen gefunden hat, nicht einfach an den Psychologen weiterreichen wie ein Arzt seinen Patienten an den Facharzt.
Wichtige Entdeckung: die religiöse Erfahrung
Ich habe zwei entscheidende, hilfreiche Wege entdeckt. Einmal war es ein Kurs bei Graf Dürckheim in Todtmoos/Rütte, der in die Praxis der Zen-Meditation einführte. Das Faszinierende daran ist die absolute Stille, die als solche wirkt, wohltuend und erfüllend. Es ist eine Qualität, die mehr ist als nur nicht reden, die gut tut, die das Innerste ergreift, die immer neu anzieht. Die Wirkung ist bedeutend für unsere Zeit. Erstorbene religiöse Inhalte, Bilder, Worte, werden neu belebt, wodurch man ganz anders die Hl. Schrift liest, wodurch beten wieder Freude macht, wodurch man von innen her anders wird. Hauptaussage ist: Das Religiöse kann in seiner schöpferischen Kraft auch in einer säkularisierten Umgebung neu entdeckt und sogar stärker werden als die Strömung der Zeit. Der andere Weg war die sogenannte Gruppendynamik. Es war der Einstieg in den Bereich der Psychologie und Psychotherapie. Für viele ist diese Form der Selbsterfahrung die begehrte Gelegenheit, über das, was einen zuinnerst bewegt, bedrückt oder freut, reden zu dürfen und dafür aufmerksame, verständnisvolle Zuhörer zu finden.
Zuhören, ernst nehmen statt belehren
Ein weitere hilfreiche Neuheitserfahrung war die Einführung in das „nichtdirektive Gespräch" von Professor Josef Schwermer. Neu daran war für mich, dass ich als Seelsorger nicht belehren muss, was richtig ist. Vielmehr geht es darum, dem/der Leidenden aufmerksam zuzuhören, auf die Gefühle zu achten, sie in ihrem Anliegen und Not ernst zu nehmen und dem Prozess zu trauen, der sich entwickelt. Im einfühlenden Verstehen wachsen Nähe und Vertrauen. Es entwickelt sich eine entsprechende Dynamik, bedrückende Zustände lösen sich auf, neue belebende Emotionen werden frei, welche den einzelnen zur Authentizität, zur Echtheit seiner Existenz führen. Um den neu entdeckten Wegen auf den Grund zu gehen und um die eigene Krise zu bewältigen, entschloss ich mich nach sechs Jahren seelsorglicher Praxis, das volle Studium der Psychologie auf mich zu nehmen. Eines ging mir auf: Als Seelsorger bin ich mein eigenes Instrument.
Der Umfang der Persönlichkeit
Wenn Carl Rogers, auf das „nichtdirektive, Person zentrierte Gespräch" zurückgeht, von einem Therapeuten bedingungslose Wertschätzung, einfühlendes Verstehen und Echtheit verlangt, dann braucht es eine Wandlung und ein Wachstum der Persönlichkeit. Man spricht auch von einem inneren Weg, der die Psychoanalyse als Reflexion der eigenen Lebensgeschichte und spirituelle Praxis umfasst. Ich nahm meinen Weg der Persönlichkeitsentwicklung und des eigenen Denkens. Nach dem Psychologie-Studium begann ich eine neue Form der Seelsorge mit folgenden Akzenten: Als erstes bot ich Vorträge zum Thema Psychologie und Religion an. Hier ging es mir darum, aufzuzeigen, wie Gott in Lebenskrisen erfahren wird, wie es bei den Heiligen war und wie es bei einem selbst sein kann.
Psychologie als Einstieg
Psychologie muss nicht Religion ersetzen, sondern kann ein Mittel sein, um das Organ für Gott zu öffnen. Nimmt man das Wort von Paul Tillich „Gott ist das Symbol für das, was mich unbedingt angeht," ernst, ist Gott im Innersten zu suchen, im eigenen Herzen. Mit dem gesprochenen Wort in einem Vortrag macht man sich den Zuhörern mit seiner Denkweise bekannt. Sie merken, dieser Mensch könnte mich mit meinem Problem verstehen. Mit dem könnte ich reden! Damit verband sich das Angebot des nicht-direktiven, Gesprächs! Wenn Menschen eine Atmosphäre des vollen Vertrauens vorfinden, öffnen sich tiefere Schichten der Existenz. Das dritte begleitende Angebot war die Meditation als die Erfahrung der absoluten Stille, in welcher die Kraft der Transzendenz wirkt. Es ist eine abgemilderte Form der strengen Zen -Kurse, die einen erheblichen Zulauf haben, sogar überlaufen sind, deren Teilnehmer zum großen Teil aus sehr rationalen Berufen und vielfach der Kirche entfremdet sind. Erfolgreich war auch das Angebot der Traum-Kurse als eine Form der Selbsterfahrung in der Gruppe.
Träume-ein Blick in die Werkstatt der Seele
Träume sind keine leeren Fantasiegebilde, sondern Bilder seelischer Prozesse, ein Blick in die Werkstatt der Seele. Man lernt, in den Bildern und Szenen seine Motivationen und verborgenen Ziele zu verstehen und der Dynamik der Seele einen Raum zu geben. Auffallend war die Anziehung und die Wirkung, welche diese Form der Seelsorge ausübt. Menschen haben in schweren Krisen neue Lebensperspektiven und neuen Lebensmut gefunden. Nach einigen Jahren war ein Kreis mit 80 Adressen von Teilnehmern entstanden. Wer die Meditation, auch Gebet der Stille genannt, als bereichernde, tägliche Übung praktiziert, bei dem verändern sich die Interessen, die Denkweise, die Gewohnheiten. Ergebnis ist einfacher Lebensstil, tiefe Verbundenheit untereinander, Gelassenheit und vielfach neuer Zugang zum christlichen Glauben. Es braucht auch das Gespräch, um die innere Entwicklung bewusst zu machen und den Anschluss an die soziale Umgebung zu finden.
Kein Schuldbewusstein vorausgesewtzt
Im Gegensatz zur traditionellen Beichte, welche ein Schuldbewusstsein und den Glauben an die Vollmacht des Priesters voraussetzt, kann bei den besprochenen Angeboten jeder kommen, ob gläubig oder atheistisch, katholisch oder anders gläubig. Die Menschen von heute haben keine Schuldgefühle, die sie zur Beichte führen würde, aber zerreißende Konflikte. Der Zugang zu ihnen läuft über das Leid, über die Sackgassen und Krisen des Lebens. Ich arbeite mit Personen, die der Kirche kritisch gegenüberstehen, die austreten wollten und es nicht taten; die ausgetreten waren, die ausgetreten bleiben aber voller Ehrlichkeit ihren Weg suchen; und solchen, die nie daran dachten, auszutreten, jetzt aber die neuen Wege als äußerst hilfreich für ihre Persönlichkeit und für ihr spirituelles Leben entdeckt haben. Im Folgenden soll die Problematik unter dem Titel „Mythos oder Archimedischer Punkt" eingehender dargestellt werden. „Mythos" meint die Bedeutungslosigkeit der Religion in den Augen einer säkularisierten Gesellschaft. Um diese zu überwinden sollen die positiven Ansätze außerhalb des theologischen Rahmens dargestellt werden. Weil sie als urchristlich erkannt sind, sind sie es wert, übernommen zu werden. Unter „Archimedischer Punkt" ist ein Anhaltspunkt zu verstehen, der weder zu beweisen ist, noch widerlegt werden kann, der aber zu erfahren ist, der letzte Gewissheit gibt, der die Probleme der Zeit lösen und die Religion aus dem Abseits in die Mitte einer säkularisierten Welt rücken würde.
Antwort auf die Probleme der Zeit.
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Wie werden die Menschen wieder religiös?
Müssen wir einfach eine Zeit ohne Gott hinnehmen?
Wie kann die Religion wieder Bedeutung gewinnen?
Und zwar eine solche, dass Kirche nicht mehr den Zeiterscheinungen hinterherlaufen muss, sondern wesentlich bestimmt? Es geschieht am ehesten dort, wo sich Menschen in ihrer tatsächlichen Lebenssituation verstanden fühlen und ihnen die Wege zum Religiösen zugänglich gemacht werden Dazu ist der Tiefenpsychologe C.G. Jung schon vor hundert Jahren auf Grund der Erfahrung mit sich selbst und der seiner Patienten zu dem Ergebnis gekommen: Jeder Mensch hat eine religiöse Anlage! "Wie das Auge der Sonne, so entspricht die Seele Gott...auf alle Fälle muss die Seele eine Beziehungsmöglichkeit, d.h eine Entsprechung zum Wesen Gottes haben" Diese Entsprechung nennt er den Archetyp des Gottesbildes. (C.G. Jung.GW.12,24) oder das „Selbst". Es ist das Zentrum der Ganzheit von Bewusstem und Unbewussten, von Herz und Verstand. Jung nennt diese Instanz auch Gefäß der göttlichen Gnade. Diese Instanz wirkt eigentätig. Sie kann geweckt werden durch alles, was einen zutiefst berührt, Freude oder Schmerz, und durch die absolute Stille, was ja eine totale Konfrontation mit sich selbst beinhaltet. In diesem Sinn sei auf Paul Tillich verwiesen, der von Gott spricht als von dem „Symbol, das einen unbedingt angeht". Das Religiöse als spirituelle Urerfahrung kann erschlossen werden.
Nicht ratlos der Strömung ausgeliefert
Die Kirche muss der modernen Religionslosigkeit, dem fortschreitenden Atheismus nicht ratlos gegenüberstehen. Dies hängt davon ab, inwieweit man die neuen Möglichkeiten wahrnimmt. Es hat sich erwiesen, dass auf diesem Weg Menschen wieder religiös werden und zum Glauben finden bzw. durch die Stille- Meditation die Kraft des Glaubens neu entdecken.
Es geht darum, die Kraft der frühen Kirche zu gewinnen. Denn sie hat einmal das Heidentum überwunden. Warum soll dies heute nicht möglich sein?
Für den Seelsorger heißt dies in, dass er die Fähigkeit erwirbt, „auf seine (des Menschen) Sorgen verstehend einzugehen, seinem vielfach frustrierten Glücksverlangen entgegenzukommen und ihm in seiner Überforderung, Vereinsamung und Lebensangst einen Raum des Aufatmens, der Solidarität und der Geborgenheit zu bieten."( Umkehrung der Klage Eugen Bisers,( Glaubensverständnis, Freiburg 1975, 132).
Seelsorger müssen nicht Therapeuten im eigentlichen Sinne sein, aber was spricht dagegen, dass sie sich die geforderte Einstellung, die von einem Psychotherapeuten gefordert wird, aneignen, nämlich „bedingungslose Wertschätzung, einfühlendes Verstehen und Authentizität, Echtheit;
ebenso die Tiefe, die Ausstrahlung, die Radikalität der Zen-Meditierenden! Es beginnt damit, dass man die Anziehung und den Wert der Stille entdeckt.
Mit den beschriebenen Wegen hätte die Kirche einen festen Stand auf dem Feld der modernen geistigen Strömungen und es wäre möglich,
die moderne, religionslose Säkularisierung zu überwinden.